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Prof. Dr. Armin Grunwald: „Selber denken ist Quelle und Ausdruck der Freiheit.“

Selber denken oder denken lassen? Prof. Dr. Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung am KIT, verbindet Kant mit KI und fragt, was digitale Mündigkeit heute wirklich bedeutet.

Kant trifft KI

Prof. Dr. Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung am KIT und langjähriges Mitglied des Deutschen Ethikrates, eröffnet seinen Vortrag beim Customer Focus Summit #6 mit einer unerwarteten Quelle: Immanuel Kant. Dessen Programm der Aufklärung war das Selberdenken, die Befreiung des Menschen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. „Sapere aude“, wage es, weise zu sein, ist nicht nur eine philosophische Maxime aus dem 18. Jahrhundert. Für Grunwald ist sie der Schlüssel zur zentralen Frage unserer Zeit: Was bedeutet es, im KI-Zeitalter mündig zu bleiben?

Technik als Befreiungsversprechen

Technik war für die Aufklärer kein Nebenschauplatz, sondern Kernbestandteil des Emanzipationsprojekts: Befreiung von Naturzwängen, Hunger, Enge, Unwissenheit. Dieses Befreiungsmoment, betont Grunwald, steckt auch in der KI, zumindest als Potenzial. Maschinelles Lernen und Mustererkennung in großen Datenmengen eröffnen echte neue Möglichkeitsräume. KI sei dabei wie ein neuer Sensor: Mit ihr können wir Dinge erkennen, die wir ohne sie schlicht nicht sehen würden.

Doch Grunwald warnt davor, Möglichkeiten mit Realitäten zu verwechseln. Wer KI einsetze, nur weil es alle machen, und wer ihr gegenüber keine eigenen Fragen stelle, handle nicht im Geiste der Aufklärung, sondern verlasse ihn.

Die Kehrseite des Delegierens

Der Vortrag nimmt eine scharfe Wendung, als Grunwald die Kehrseiten des Delegierens beleuchtet. Er zählt auf, was KI uns angeblich abnehmen kann: das mühsame Schreiben, das Fremdsprachenlernen, das Urteilen, das Denken selbst. All das klingt verlockend. Aber genau hier werden die Fragezeichen fällig.

Wer keine Fremdsprache mehr lernt, verliert den Zugang zu einer anderen Kultur. Wer Entscheidungen vollständig an Algorithmen übergibt, übersieht, dass diese Systeme ausschließlich auf Basis vergangener Daten arbeiten und damit strukturell konservativ sind. Und wer Urteilskraft nicht mehr praktiziert, verliert sie. So wie Grunwald selbst die mathematische Sprache seiner Doktorarbeit nicht mehr beherrscht, weil er sie jahrzehntelang nicht mehr gebraucht hat.

Automation Bias und digitale Spaltung

Grunwald seziert den Automation Bias präzise: Menschen neigen dazu, KI-Empfehlungen zu vertrauen, ohne sie zu prüfen. Zeitdruck, Personalmangel und schlichte Bequemlichkeit verstärken diesen Effekt. Am Beispiel eines Sozialamtsmitarbeiters, der unter Druck KI-Bewertungen einfach durchwinkt, macht er sichtbar, was auf dem Spiel steht. Es geht nicht um Böswilligkeit, sondern um Systemdynamiken, die Urteilsvermögen schleichend ersetzen.

Seine Sorge gilt dabei weniger dem gut informierten Fachpublikum als den Millionen, die ohne ausgeprägte Freude am Selberdenken in die Komfortzone des reinen Konsums abgleiten. Hier sieht Grunwald eine neue Form der gesellschaftlichen Spaltung entstehen: nicht nur eine digitale Kluft im Zugang zu Technologie, sondern eine tiefere Spaltung in der Fähigkeit, mit ihr mündig umzugehen.

Das Problem sind wir

Grunwalds Schlussfolgerung ist so klar wie unbequem: „Das Problem ist nicht die KI. Das Problem sind wir.“ Kein Roboter nimmt jemandem die Arbeit weg. Menschen treffen die Entscheidungen, Arbeitsplätze zu automatisieren. Die KI denkt nicht, sie rechnet. Sie hat keine Absichten, kein Gewissen. Wer ihr zu viel zuschreibt, verliert den Blick auf die eigene Verantwortung.

Sein Appell: KI nutzen, ohne in die Fallen selbstverschuldeter Unmündigkeit zu geraten. Sich empowern lassen, aber nicht schwach machen. Genau hinschauen, wofür man KI braucht und wo man sie gerade nicht will. Und vor allem: menschliche Fähigkeiten entwickeln, die Algorithmen nicht haben. „Sapere aude“ gilt heute genauso wie vor 250 Jahren.

Mehr von Prof. Dr. Armin Grunwald gibt es im Customer Focus Network: Im Videocast und im Business Rap geht er die Themen KI-Hype und Verantwortung aus weiteren Perspektiven an.

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