Governance wird am Anfang fast immer als Bremse wahrgenommen. Ein zusätzlicher Prüfschritt, eine weitere Freigabe, eine Regel mehr in einem Prozess, der vorher schneller war. Das ändert sich meist erst in dem Moment, in dem sichtbar wird, wovor die Regel eigentlich schützt. Bei coeo ist genau das mit dem Umgang mit KI-generierten Bildern passiert.
Seit dem 2. August 2026 gelten nach dem EU AI Act neue Transparenzpflichten für bestimmte KI-generierte und manipulierte Inhalte. Für viele Unternehmen ist das der Moment, ab dem sie sich überhaupt zum ersten Mal ernsthaft mit dem Thema beschäftigen. Bei coeo ist der Stichtag eher eine Bestätigung als ein Startschuss: Die eigene Umsetzungsrichtlinie für KI-Transparenz gab es schon vorher, entstanden aus einer Frage, die sich unabhängig von der Gesetzeslage stellte.
Der Grund dafür liegt in der Art, wie moderne Bildgeneratoren heute arbeiten. Künstliche Intelligenz kann Bilder erzeugen, die täuschend echt wirken. Isabell Neubert, Manager AI/IT Governance & Regulatory Tech bei der coeo Group, bringt auf den Punkt, was das für ein Unternehmen wie coeo bedeutet:
„Für ein Unternehmen, das mit Vertrauen arbeitet, wie coeo im Umgang mit Kundinnen und Kunden, ist das kein neutrales Werkzeug, sondern eine Frage der Haltung.”
Jedes Gesicht, jede Situation, auf Zuruf
Was diese Technologie besonders macht, zeigt sich deutlich im Inkassokontext. Wenn ein Unternehmen Bilder braucht, die finanzielle Belastung zeigen, öffnet KI eine Tür, die vorher so nicht offenstand: Man kann jedes gewünschte Gesicht und jede gewünschte Situation erzeugen, in Echtzeit. Über Profiling ließen sich theoretisch sogar Eigenschaften der Betrachtenden selbst einfangen, um deren Situation nachzustellen.
KI-Bildgeneratoren liefern auf Zuruf erschöpfte Gesichter, überfüllte Briefkästen, gebeugte Haltungen, oder auch eine bestimmte Ethnie oder einen bestimmten Personenkreis. Genau darin liegt das eigentliche Risiko: Nicht in der technischen Möglichkeit selbst, sondern darin, wie leicht sie zu nutzen ist, ohne dass jemand bewusst eine Entscheidung darüber trifft. Ein Bild lässt sich in Sekunden erzeugen, die Frage, was es eigentlich zeigt und wen es damit trifft, braucht dagegen Zeit, die im Tagesgeschäft schnell fehlt. Die Verantwortung, die daraus entsteht, hat wenig mit der Qualität des Bildes zu tun und viel damit, was es bei den Betrachtenden auslöst.
Leitplanken statt reiner Kennzeichnungspflicht
coeo hat deshalb eigene inhaltliche Leitplanken definiert, die über die reine Kennzeichnungspflicht hinausgehen. Der Kerngedanke dahinter: Finanzielle Belastung ist eine gesellschaftliche Realität, keine Bühne für Dramatik, und schon gar keine Vorlage für Stereotype. Bildsprache soll abbilden, nicht zuspitzen, und niemanden zu einem Symbol für Scheitern machen.
Intern gibt es dafür nicht nur eine Policy mit konkreten Leitplanken zu Bildern, sondern auch Leitfragen, die Mitarbeitende anleiten, sich in die Betrachtenden hineinzuversetzen, statt nur zu fragen, ob ein Bild funktioniert oder gut aussieht. Diese Verschiebung der Perspektive, weg von der handwerklichen Frage hin zur menschlichen, ist der eigentliche Kern der Richtlinie. Sie verlangt von den Mitarbeitenden, sich bei jedem Bild noch einmal bewusst zu fragen, wie es wirkt, wenn man selbst in dieser Situation abgebildet würde.
Damit das nicht bei einer einmaligen Entscheidung stehen bleibt, ist die Prüfung als wiederkehrender Schritt im Prozess verankert, nicht als einmalige Freigabe am Anfang. Neue Bildformate, neue Kampagnen, neue Kanäle werden an denselben Leitfragen gespiegelt, unabhängig davon, wie eilig ein Projekt gerade ist.
Kennzeichnung ist die Pflicht, Haltung ist die Kür
Die zentrale Pointe dieser Herangehensweise: Der Einsatz synthetischer Bilder entbindet niemanden von der inhaltlichen und ethischen Verantwortung. Die KI erzeugt das Bild, aber die Entscheidung, was damit gesagt wird und über wen, bleibt menschlich.
Bei synthetischen Bildern, die mit finanzieller Belastung zu tun haben, geht es deshalb nicht nur darum, ob ein Bild als KI-generiert erkennbar ist, sondern darum, ob es überhaupt entstehen sollte. Kennzeichnung ist die Pflicht, Haltung ist die Kür, und coeo behandelt beides als zusammengehörig.
Für ein Unternehmen, dessen Geschäft auf Vertrauen aufbaut, ist das mehr als eine Compliance-Übung. Es ist der Unterschied zwischen einer Regel, die nur befolgt wird, weil sie befolgt werden muss, und einer Haltung, die auch dann noch trägt, wenn niemand hinschaut.
Titelbild © Funster