Eine neue Forschungssynthese des Bundesbildungsministeriums räumt mit Mythen auf und zeigt: Künstliche Intelligenz (KI) kann Schulen voranbringen, aber nur unter klaren Bedingungen.
Seit ChatGPT im November 2022 öffentlich zugänglich wurde, hat sich die Debatte um Künstliche Intelligenz in deutschen Schulen fundamental verändert. Was zunächst Panik auslöste (Schülerinnen und Schüler, die ihre Hausaufgaben von der KI erledigen lassen), hat sich zu einer differenzierteren Diskussion entwickelt. Die aktuelle Forschungssynthese „Künstliche Intelligenz in der Schule“ von Katharina Scheiter und ihrem Team liefert erstmals einen umfassenden Überblick über den Stand in Wissenschaft und Praxis. Das Ergebnis: KI ist weder die Wunderwaffe noch der Untergang des Bildungssystems. Vielmehr ist sie ein Werkzeug, das gezielten Einsatz und kompetente Begleitung braucht.
Laut einer repräsentativen Studie der Vodafone-Stiftung sind 73 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler davon überzeugt, dass KI eher Chancen bietet. Gleichzeitig berichteten 38 Prozent, KI spiele an ihrer Schule keine Rolle. Diese Diskrepanz zwischen Potenzial und Realität prägt die deutsche Schullandschaft. Während andere Länder systematisch KI-Tools einführen, fehlt es hierzulande oft an Konzepten, Ausstattung und Fortbildungen für Lehrkräfte.
Datenschutz ist kein Hindernis, sondern Gestaltungsaufgabe
Der häufigste Einwand gegen KI im Unterricht lautet: Datenschutz. Tatsächlich sind viele kostenlose KI-Anwendungen wie ChatGPT in der Gratisversion problematisch, weil sie Nutzerdaten auf nicht-europäischen Servern speichern und für das Training ihrer Modelle verwenden. Doch die Forschungssynthese macht deutlich: „Weder die DSGVO noch zukünftig der AI Act verhindern grundsätzlich den Einsatz von KI in der Schule, sondern sie legen fest, welche Anwendungen genutzt werden dürfen und unter welchen Umständen.“
Mittlerweile haben mehrere Bundesländer reagiert und bieten datenschutzkonforme Lösungen an. Baden-Württemberg stellt mit fAIrChat eine eigene Schnittstelle bereit, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern haben landesweite Lizenzen für Anbieter wie „Fobizz“ oder „schulKI“ gekauft. Diese ermöglichen Schülerinnen und Schülern den Zugang zu KI-Tools, ohne dass persönliche Daten weitergegeben werden. Auch bildungsspezifische Anwendungen wie der Schreibassistent „FelloFish“ oder das intelligente Tutorensystem „bettermarks“ wurden von Anfang an DSGVO-konform entwickelt. Die Botschaft der Forschenden ist eindeutig: Nicht der Datenschutz verhindert den KI-Einsatz, sondern fehlendes Know-how und mangelnde Infrastruktur.
Lehrkräfte bleiben unverzichtbar
Eine zentrale Sorge vieler Pädagoginnen und Pädagogen: Macht KI Lehrkräfte überflüssig? Die klare Antwort der Wissenschaft lautet: Nein. „Selbst vollautomatische tutorielle Systeme wirken nicht von allein“, betont die Studie. Die pädagogisch-didaktische Einbindung von KI-Technologie bleibt entscheidend. Lehrkräfte müssen KI-Tools in ein Gesamtkonzept aus analogen und digitalen Lernmethoden einbetten, die Qualität der Ergebnisse bewerten und bei Bedarf korrigieren.
Meta-Analysen zeigen: Intelligente Tutorensysteme (ITS) erzielen vergleichbare Lernerfolge wie Unterricht in Kleingruppen oder individuelle Förderung. Besonders wirksam sind sie beim Erlernen neuer Inhalte. Entscheidend ist jedoch, dass KI den klassischen Unterricht ergänzt, nicht ersetzt. Die Forschungssynthese stellt anhand meta-analytischer Befunde fest, dass ITS in Kombination mit klassischem Unterricht effektiver sind als wenn sie diesen ersetzen. Lehrkräfte werden durch KI also nicht überflüssig, sondern können sich stärker auf Beziehungsarbeit, individuelle Förderung und die Gestaltung anspruchsvoller Lernszenarien konzentrieren.
KI als Entlastungsinstrument
Eine weitere Erkenntnis: KI kann Lehrkräfte massiv entlasten, sofern sie richtig eingesetzt wird. Der kürzlich erschienene Aufsatz von Heine et al. (2024) nennt 17 Aufgabenbereiche, von der Unterrichtsplanung über die Materialerstellung bis zur Korrektur von Aufgaben. Generative KI wie ChatGPT kann beispielsweise Texte in verschiedenen Schwierigkeitsstufen erstellen, Arbeitsblätter generieren oder Elternbriefe in mehrere Sprachen übersetzen. Der Cornelsen Verlag bietet mit seiner KI Toolbox bereits ein DSGVO-konformes Werkzeug, das auf geprüfte Verlagsinhalte zugreift und Lehrkräfte mit vorgefertigten Prompts unterstützt.
Allerdings warnen die Forschenden vor überzogenen Erwartungen. Die Untersuchung von Heine et al. zeigt, dass viele Lehrkräfte KI-generierte Lösungsvorschläge als nicht unmittelbar nutzbar einschätzen. Das Problem: Häufig wird erwartet, dass ein erster Prompt sofort perfekte Ergebnisse liefert. Tatsächlich funktioniert die Arbeit mit KI eher wie eine Kollaboration, bei der Prompts schrittweise verfeinert werden müssen. Wer KI als Co-Autor begreift statt als Autopilot, kann ihre Stärken besser nutzen und spart trotz Revisionsaufwand Zeit.
Lernerfolgskontrollen im KI-Zeitalter
Die vielleicht größte Herausforderung liegt im Bereich der Leistungsbewertung. Studien zeigen: OpenAIs “GPT-4“ besteht beide Teile des US-amerikanischen Anwaltsexamens und erreicht das 93. Leistungsperzentil im SAT-Test. In Psychologie-Prüfungen britischer Universitäten wurden 94 Prozent der KI-generierten Klausuren nicht als solche erkannt und schnitten im Durchschnitt eine halbe Note besser ab als die menschlicher Studierender. Die Frage ist also nicht mehr, ob KI Prüfungen bewältigen kann, sondern wie Lehrstätten darauf reagieren.
Die Lehrer Joscha Falck und Hendrik Haverkamp haben dafür ein Fünf-Dimensionen-Modell entwickelt: Prüfungen können „über, mit, von, trotz und ohne KI“ erfolgen. Während hilfsmittelfreie Prüfungen weiterhin sinnvoll sind, sollten zunehmend auch Kompetenzen im Umgang mit KI bewertet werden. Etwa indem Schülerinnen und Schüler KI-generierte Texte kritisch analysieren, optimieren oder als Ausgangspunkt für eigene Arbeiten nutzen. Die Kultusministerkonferenz empfiehlt entsprechend neue Prüfungsformate wie die Präsentation und Verteidigung von Produkten, die gemeinsam mit KI entstanden sind. Damit wird die Realität des modernen Arbeitslebens abgebildet – wo KI längst zum Alltag gehört.
Was Lehrkräfte jetzt lernen müssen
Die gute Nachricht: Lehrkräfte brauchen keine Programmierkenntnisse oder ein tiefes technisches Verständnis von neuronalen Netzen, um künstliche Intelligenz sinnvoll einzusetzen. Die Forschungssynthese identifiziert sechs zentrale Kompetenzfelder, die von theoretischem Grundwissen über ethische Reflexion bis zur kontinuierlichen Weiterbildung reichen. Entscheidend ist das Verständnis dafür, wie KI funktioniert, wo ihre Grenzen liegen und welche Verzerrungen (Biases) in den Trainingsdaten stecken können.
Denn KI ist nicht objektiver oder fehlerfreier als Menschen. Im Gegenteil: Algorithmen übernehmen die Vorurteile ihrer Trainingsdaten. Ein Beispiel aus der Praxis: ChatGPT erstellt auf die Anfrage nach den zehn wichtigsten Philosophen eine Liste ohne eine einzige Frau und ausschließlich mit europäischen Denkern. Solche Verzerrungen müssen Lehrkräfte erkennen und mit Schülerinnen und Schülern besprechen können. Die Kultusministerkonferenz empfiehlt deshalb, KI-Kompetenzen in allen drei Phasen der Lehrerbildung zu verankern: von der universitären Ausbildung über das Referendariat bis zur Fort- und Weiterbildung.
Die Forschungssynthese „Künstliche Intelligenz in der Schule“ (Scheiter et al., 2025) zeigt: KI kann Unterricht bereichern und Lehrkräfte entlasten, aber nur bei durchdachtem Einsatz. Die größten Hürden sind nicht technischer, sondern organisatorischer und pädagogischer Natur. Jetzt braucht es flächendeckende Ausstattung, systematische Fortbildungen und klare Konzepte, damit KI ihr Potenzial entfalten kann.
Zur Studie: Die Forschungssynthese „Künstliche Intelligenz in der Schule“ wurde im Mai 2025 vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des KI-Begleitprozesses im Rahmenprogramm empirische Bildungsforschung veröffentlicht. Das Autorenteam um Katharina Scheiter hat wissenschaftliche Evidenz mit schulpraktischen Erfahrungen verknüpft und dafür Expertinnen und Experten aus der Schulpraxis in Workshops einbezogen. Die Studie beantwortet zentrale Fragen zu Funktionsweise, Verfügbarkeit, Lernwirksamkeit und Einsatzmöglichkeiten von KI im schulischen Kontext und versteht sich ausdrücklich als Momentaufnahme in einem hochdynamischen Forschungsfeld.
Tittelbild: © Pcess609