Drei Jahre nach der letzten großen Industrie 4.0-Bestandsaufnahme zeigt sich: Deutsche Unternehmen haben deutlich aufgeholt. Während 2022 noch 7 Prozent der Industriebetriebe glaubten, den Anschluss verpasst zu haben, ist diese Zahl 2025 auf ein Prozent gesunken. Somit nutzen bereits 71 Prozent konkrete Industrie 4.0-Anwendungen – ein beachtlicher Sprung gegenüber 65 Prozent im Jahr 2022.
Eine aktuelle Bitkom-Studie unter 552 Industrieunternehmen zeichnet das Bild einer Branche im Wandel. 42 Prozent setzen inzwischen Künstliche Intelligenz in der Produktion ein, Digitale Zwillinge haben sich vom Nischenthema zum Standard entwickelt. Die Technologie ist längst in den Fabriken angekommen. Doch im globalen Wettlauf liegt China nun vorn, die USA folgen – Deutschland steht auf Platz drei und muss Gas geben, um die Spitzenposition zurückzuerobern.
Unternehmen investieren weiter in die Zukunft
60 Prozent der Unternehmen bewerten ihre aktuelle wirtschaftliche Lage als schlecht oder sehr schlecht. Doch statt die Digitalisierung auf Eis zu legen, zeigt die Industrie Durchhaltevermögen: 42 Prozent geben zwar an, dass die wirtschaftliche Lage ihre Digitalisierung bremst, aber 80 Prozent planen für 2025 mindestens gleichbleibende Investitionen in die Industrie 4.0. Und 36 Prozent wollen sogar mehr investieren als im Vorjahr.
Das zeigt: Die Unternehmen haben verstanden, dass Digitalisierung kein Luxus ist, sondern Überlebensstrategie. „Industrie 4.0 ist unverzichtbar, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können“, sagen 96 Prozent der Befragten, ein Anstieg von 5 Prozentpunkten gegenüber 2022. Die Krise wird nicht als Grund für Stillstand gesehen, sondern als Argument für beschleunigte Transformation.
KI erobert die Fabrikhallen
Mit 42 Prozent KI-Nutzung in der Produktion hat Deutschland einen beachtlichen Schritt nach vorn gemacht. Die Analytik führt mit 32 Prozent praktischem KI-Einsatz, gefolgt von Robotik (19 Prozent) und Maschinenkonfiguration (16 Prozent). Das Potenzial wird breit erkannt: 74 Prozent sehen großes Potenzial für KI in der Robotik, 85 Prozent beim Energiemanagement.
82 Prozent der Unternehmen sind überzeugt, dass der Einsatz von KI künftig entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit sein wird. Die Investitionsbereitschaft ist da, die Technologie verfügbar. Herausforderungen bleiben: 42 Prozent beklagen fehlende Expertise, 50 Prozent warten ab, welche Erfahrungen andere machen. Doch die Richtung stimmt und mit gezielten Weiterbildungsprogrammen lässt sich diese Lücke schließen.
Digitale Zwillinge: Eine deutsche Erfolgsgeschichte
Eine echte Erfolgsgeschichte der letzten drei Jahre sind die Digitalen Zwillinge. 2022 nutzten erst 33 Prozent der Unternehmen diese Technologie, heute sind es bereits 48 Prozent. Das macht einen Zuwachs von fast 50 Prozent. Weitere 25 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Deutschland hat hier in kürzester Zeit den Durchbruch geschafft.
Die Unternehmen haben den strategischen Wert erkannt: 63 Prozent halten Digitale Zwillinge für unverzichtbar im internationalen Wettbewerb, 56 Prozent sehen darin die Grundlage für völlig neue Geschäftsmodelle. Nur 18 Prozent tun sie als kurzfristigen Hype ab. Digitale Zwillinge ermöglichen es, Produktion zu simulieren, Wartungsbedarf vorherzusagen und Produktionslinien virtuell zu optimieren. Das ist, gerade in Zeiten volatiler Lieferketten, ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
China und USA setzen auf günstige Rahmenbedingungen
China liegt mit 26 Prozent an der Spitze, wenn es um die Wahrnehmung als führende Industrie 4.0-Nation geht, die USA folgen mit 23 Prozent, Deutschland mit zwölf Prozent auf Platz drei. Das ist ein Rückgang gegenüber 2022, aber keine unumkehrbare Entwicklung. Die befragten Unternehmen nennen vor allem hohes Industrieinteresse (China 61 Prozent, USA 66 Prozent) und günstigere gesetzliche Rahmenbedingungen als Erfolgsfaktoren.
Hier liegt Deutschlands Chance: Die technologische Basis ist stark, die Investitionsbereitschaft vorhanden. Was fehlt, sind bessere Rahmenbedingungen. Bei Standards, Regulierung und politischer Unterstützung schneidet Deutschland im internationalen Vergleich schwächer ab, 32aber genau diese Faktoren lassen sich durch politisches Handeln verbessern. Die Stärken wie F&E-Investitionen (33 Prozent) und Industrieinteresse (37 Prozent) sind bereits da.
Das Potenzial ist erkannt, jetzt muss es einfacher werden
Mit Manufacturing-X verfolgt die Bundesregierung eine Initiative für sicheren, standardisierten Datenaustausch. Die Bekanntheit ist mit 81 Prozent hoch. 56 Prozent glauben, dass digitaler Datenaustausch die Resilienz und Produktivität steigern wird, jeweils 48 Prozent halten ihn für entscheidend für Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität. Das Bewusstsein für den Nutzen ist also vorhanden.
Die praktische Umsetzung hinkt noch hinterher: Nur 5 Prozent beteiligen sich aktiv, 8 Prozent planen eine Beteiligung. 40 Prozent finden den Datenaustausch zu kompliziert. Hier ist weniger ein Mangel an Willen das Problem, sondern eine Frage der Praxistauglichkeit. Mit vereinfachten Zugängen, besseren Standards und Beratungsangeboten lässt sich diese Hürde überwinden.
Wahrgenommene Vorteile des digitalen Datenaustauschs
Die Bitkom-Studie zeigt klar, wie groß die erwarteten Effekte sind:

Quelle: Bitkom Research 2025
Der digitale Datenaustausch stärkt laut Studie zu 56 Prozent die Resilienz und Produktivität der deutschen Industrie und wird von jeweils 48 Prozent der Befragten als entscheidend für ihre Wettbewerbsfähigkeit sowie für die technologische Souveränität bewertet.
Damit wird verdeutlicht, dass ein funktionierender, digitaler Datenaustausch zu einem der stärksten Wachstumstreiber der Industrie wird und er verbindet dabei Effizienz, Stabilität und Innovationsfähigkeit.
Klare Roadmap für den Aufstieg
Die Unternehmen haben konkrete Erwartungen: 86 Prozent fordern den Abbau rechtlicher Unsicherheiten beim Datenaustausch, 78 Prozent steuerliche Impulse, 76 Prozent beschleunigten Breitbandausbau. 88 Prozent mahnen: „Die Politik sollte KI-Innovationen nicht durch Überregulierung ersticken.“ Diese Forderungen zeigen nicht Resignation, sondern Klarheit darüber, was funktionieren würde.
Die gute Nachricht: Die Bundesregierung hat mit der Hightech-Agenda, Manufacturing-X und einer nationalen Robotikstrategie bereits wichtige Schritte eingeleitet. 74 Prozent der Unternehmen investieren in Weiterbildung rund um Industrie 4.0. Die Bereitschaft zur Transformation ist da, die technologischen Grundlagen sind stark. Was jetzt zählt, ist Tempo bei der Umsetzung – dann kann Deutschland seine Position im globalen Wettlauf nicht nur verteidigen, sondern ausbauen.
Zur Studie: Die Bitkom-Studie „Industrie 4.0“ (2025) basiert auf einer telefonischen Befragung von 552 Industrieunternehmen des verarbeitenden Gewerbes ab 100 Beschäftigten in Deutschland, durchgeführt zwischen Januar und Februar 2025. Vergleichsdaten stammen aus der Vorgängerstudie von 2022 mit 553 befragten Unternehmen.
Titelbild: © Rehan
Quellen: Die Bitkom-Studien „Industrie 4.0“ (2022 & 2025): https://www.bitkom.org/sites/main/files/2023-01/221125StudieIndustrie-40-1.pdf [Stand: Dez2025] & https://www.bitkom.org/sites/main/files/2025-09/bitkom-studienbericht-industrie40.pdf [Stand: Dez2025].