AI Value

Wo der KI-Wert wirklich entsteht und warum die meisten ihn nicht finden

Die Investitionen in Künstliche Intelligenz explodieren, doch für die meisten Unternehmen bleibt der erhoffte Nutzen aus. Eine aktuelle globale Untersuchung der Boston Consulting Group (BCG) zeigt: Nur 5 Prozent der befragten Unternehmen erzielen heute KI‑Wert in großem Maßstab, obwohl fast alle bereits investieren. Gleichzeitig berichten 60 Prozent von kaum messbarem Mehrwert. Trotz erheblicher Ausgaben.

BCG hat in seinen Build‑for‑the‑Future‑Studien 2024 und 2025 mehr als 1.000 beziehungsweise rund 1.250 CxOs und Senior Executives aus insgesamt 68 Ländern und mehreren Kernbranchen befragt. Zu den befragten Branchen zählen unter anderem Konsumgüter, Finanzdienstleistungen, Industrie, Technologie und Gesundheitswesen. Grundlage ist ein einheitliches KI‑Reifegradmodell, das von 30 (2024) unternehmensweiten Fähigkeiten auf 41 (2025) Fähigkeiten erweitert wurde. Die Analyse von 2025 zeigt: 35 Prozent der Unternehmen befinden sich in der Stufe „Scaling“, 5 Prozent in der Spitzenkategorie „Future‑Built“. Zusammen ergeben das 40 Prozent, die KI bereits in größerem Umfang ausrollen. Gleichzeitig erzielen 60 Prozent der Unternehmen kaum oder keinen materiellen KI‑Wert und gelten als Nachzügler.

Der Teufelskreis der Nachzügler

Die Spitzenunternehmen setzen eine Spirale in Gang. Sie erwirtschaften messbaren KI‑Wert und reinvestieren die daraus resultierenden Gewinne in weitere Fähigkeiten, Talente und Technologien. Laut BCG erzielen die Future‑Built‑Unternehmen im Vergleich zu den Nachzüglern 1,7‑mal höheres Umsatzwachstum, 3,6‑mal höhere dreijährige Gesamtrendite für Aktionäre (TSR), 2,7‑mal höhere Kapitalrendite (ROIC) und 1,6‑mal höhere EBIT‑Margen. Zudem melden sie 3,5‑mal mehr Patente an.

Diese Ergebnisse speisen eine sich selbst verstärkende Dynamik. Future‑Built‑Unternehmen planen ihre IT‑Ausgaben um 26 Prozent stärker zu erhöhen als Nachzügler und bis zu 64 Prozent mehr ihres IT‑Budgets für KI bereitzustellen. In den Bereichen, in denen sie KI einsetzen, erwarten sie etwa doppelt so hohe Umsatzsteigerungen und 1,4‑mal größere Kostensenkungen als die Laggards. Unternehmen ohne messbaren KI‑Wert riskieren damit, sowohl technologisch als auch wirtschaftlich immer weiter zurückzufallen.

70 Prozent des Wertes liegt im Kerngeschäft

Ein häufiges Missverständnis: Viele Unternehmen konzentrieren sich vor allem auf KI‑Anwendungen in Supportfunktionen wie HR, IT oder Recht. Die BCG‑Analysen zeigen jedoch, dass der Großteil des Potenzials im Kerngeschäft liegt. 2025 entfallen laut BCG rund 70 Prozent des KI‑Wertes auf Kernfunktionen wie Forschung & Entwicklung, Vertrieb, Marketing, Produktion, Supply Chain und Pricing. Allein F&E und Innovation machen 15 Prozent des gesamten Potenzials aus. Hinzu kommen digitales Marketing mit 9 Prozent, Kundenreisen (8 Prozent), Vertrieb (7 Prozent) und Produktion (9 Prozent). Supportfunktionen tragen entsprechend etwa 30 Prozent zum KI‑Wert bei. Eine weitere Verschiebung gegenüber 2024, als der Anteil des Kerngeschäfts noch bei 62 Prozent lag.

Auffällig ist die Rolle der IT: Ihr Anteil am wahrgenommenen KI‑Wert ist von 7 Prozent (2024) auf 13 Prozent (2025) gestiegen. Das bedeutet einen Zuwachs um 6 Prozentpunkte. Erfolgreiche Unternehmen investieren dabei nicht nur „mehr in IT“, sondern bauen eine skalierbare, modulare und interoperable Technologiearchitektur auf. Diese Architektur umfasst zentrale KI‑Plattformen, wiederverwendbaren Bausteine und ein einheitliches Datenfundament. Future‑Built‑Firmen setzen deutlich häufiger auf zentrale KI‑Plattformen, standardisierte Datenmodelle und konzernweite Daten‑Policies als Nachzügler.

Konkrete Effekte sind bereits sichtbar: Ein nordamerikanischer Telekommunikationsanbieter nutzte KI zur Analyse von Callcenter‑Gesprächen. Dadurch senkte er die durchschnittliche Interaktionszeit um 20 Prozent, reduzierte Weiterleitungen an Live‑Agents um 25 Prozent und verlagerte rund 30 Prozent der Kontakte auf KI‑gestützte Chatbots. Auf diesem Weg erreichte er eine Kostensenkung von etwa 25 Prozent in der betroffenen Einheit.

Agenten‑KI verdoppelt ihren Wertbeitrag bis 2028

Ein neuer Beschleuniger ist Agentic AI, also autonome KI‑Agenten, die beobachten, schlussfolgern, planen, Werkzeuge nutzen und handeln können. 2025 entfielen bereits rund 17 Prozent des gesamten KI‑Werts auf Agenten. Bis 2028 soll dieser Anteil auf etwa 29 Prozent steigen. Gleichzeitig erwartet BCG, dass sich der Wertanteil über die drei KI‑Formen von 2025 bis 2028 von etwa 45 Prozent generativer KI, 38 Prozent prädiktiver KI und 17 Prozent agentischer KI hin zu 38 Prozent generativer, 35 Prozent prädiktiver und 29 Prozent agentischer KI verschiebt.

Diese Agenten sind in dieser Logik nicht einfach Ergänzungen bestehender Prozesse. In vielen Fällen erfordern sie vielmehr eine grundlegende Neugestaltung der Workflows, in denen menschliche und digitale „Mitarbeiter” zusammenarbeiten. Future‑Built‑Unternehmen investieren bereits rund 15 Prozent ihres KI‑Budgets in Agenten und nutzen sie deutlich häufiger als andere.

Insgesamt experimentieren oder pilotieren laut BCG etwa 46 Prozent der Unternehmen Agenten. Rund 16 Prozent davon berichten schon von messbarem Mehrwert. Ein führender Hersteller elektronischer Geräte orchestriert KI-Workflows in mehr als 200 Fabriken über eine zentrale Plattform für agentenbasierte Lösungen – einen sogenannten „company store”. Das modellierte EBIT-Potenzial: über 300 Millionen US-Dollar.

Menschen, Prozesse, Technologie

Die BCG‑Studien kommen zu einem klaren Befund: Rund 70 Prozent der Hürden bei KI‑Transformationen betreffen Menschen und Prozesse. Etwa 20 Prozent Technologie und nur etwa 10 Prozent Algorithmen. Häufig fehlen klare Prioritäten, belastbare Business Cases, Akzeptanz in der Organisation oder die Fähigkeit, bestehende Workflows wirklich neu zu denken. Auf der Technologie‑Seite dominieren Themen wie Datenqualität, Integration in bestehende Systeme, Sicherheit und verantwortungsvoller KI‑Einsatz.

BCG empfiehlt deshalb die 10‑20‑70‑Regel. Rund 10 Prozent der Ressourcen auf Algorithmen, 20 Prozent auf Technologie und Daten, aber 70 Prozent auf Menschen und Prozesse zu fokussieren. Die Untersuchungen zeigen zudem, dass AI‑Leaders, also Unternehmen in den oberen beiden Reifestufen, deutlich mehr in digitale und KI‑Fähigkeiten investieren. Sie stellen außerdem mehr FTEs für Digital & AI bereit und bilden einen größeren Anteil ihrer Belegschaft in KI‑Kompetenzen weiter als weniger reife Unternehmen. In den 2025er Daten wird zudem deutlich, dass Future‑Built‑Firmen mehr als die Hälfte ihrer Mitarbeitenden in KI befähigen wollen. Nachzügler planen im Schnitt nur etwa ein Fünftel.

Ein Praxisbeispiel liefert eine große internationale Bank, die ihre HR‑Funktion mit einem AI‑First‑Ansatz von „Hire to Retire“ neu gestaltete. Sie definierte zentrale Mitarbeiter-Journeys wie „I apply and join”, „I get feedback” oder „I get rewarded” und leitete daraus eine Fähigkeits-Roadmap ab. Diese verknüpfte sie mit klaren KPIs wie Time-to-Hire, 90-Tage-Retention und Durchlaufzeiten von Service-Requests.

Was die Future‑Built‑Firmen auszeichnet und wie man aufschließt

BCG definiert „Future-Built” als Unternehmen, die an der Spitze der KI-Innovation stehen. Diese haben funktionsübergreifend fortgeschrittene KI-Fähigkeiten aufgebaut und generieren konsistent substantiellen Geschäftswert. In der 2024er Studie weisen etwa Fintech (rund 49 Prozent), Software (rund 46 Prozent) und Banking (rund 35 Prozent) besonders hohe Anteile von AI‑Leaders (Kombination aus „Scaling“ und „Future‑Built“) auf. Mehr als die Hälfte dieser Top‑Performer sind etablierte Incumbents, keine reinen Digital Natives. Beispiele reichen von einem Automobilhersteller, der mit GenAI Tender‑Dokumente rund 50 Prozent schneller erstellt und Angebotsanalysen beschleunigt, bis zu einem globalen Finanzinstitut, das bis 2030 Produktivitätsgewinne von etwa 1 Milliarde US‑Dollar anstrebt.

Das Fünf-Punkte-Playbook der Vorreiter

Aus den beiden Studien lässt sich ein konsistentes Fünf‑Punkte‑Playbook ableiten, das Future‑Built‑Unternehmen bereits verfolgen:

  1. Mehrjährige, top‑down verankerte KI‑Ambition
    KI wird als strategisches Programm mit klarer Wertagenda, Roadmap und dedizierter Finanzierung geführt. Nahezu alle Future‑Built‑Firmen berichten von stark engagierten C‑Suites, gegenüber wenigen Prozent bei Nachzüglern.
  2. Fokussierung auf wertstarke Workflows statt beliebige Use‑Cases
    Führende Unternehmen priorisieren wenige, hochwirksame Workflows und setzen auf eine klar getrackte Roadmap. In Future‑Built‑Firmen sind rund 62 Prozent der priorisierten Initiativen bereits deployed, bei Laggards nur etwa 12 Prozent.
  3. Aufbau solider IT‑ und Datenfundamente
    Mehr als 50 Prozent der Future‑Built‑Unternehmen arbeiten auf einem einheitlichen, unternehmensweiten Datenmodell, während dies bei stagnierenden Unternehmen nur auf rund 4 Prozent zutrifft. Sie betreiben zudem deutlich häufiger zentrale KI‑Plattformen und durchgesetzte Daten‑Policies.
  4. Parallelaufbau kritischer Fähigkeiten mit Schwerpunkt People & Processes
    Future‑Built‑Firmen sind mehrfach so wahrscheinlich, strategische Workforce‑Planung für KI zu betreiben, strukturierte Lernzeit vorzusehen und Mitarbeitende aktiv an der Co‑Gestaltung von KI‑Lösungen zu beteiligen.
  5. Rigoroses Tracking und Governance entlang der End‑to‑End‑Transformation
    Mehr als 60 Prozent der Future‑Built‑Unternehmen tracken KI‑Wertbeiträge systematisch, gegenüber nur 17 Prozent der stagnierenden Firmen, und verankern verantwortungsvolle KI mit klaren Guardrails.

Wer diese Prinzipien konsequent umsetzt und die 10‑20‑70‑Priorisierung beherzigt, kann seine KI‑Reife schrittweise ausbauen und echten Geschäftswert im großen Maßstab heben. Als Einstiegspunkt empfiehlt sich ein ehrlicher Blick auf den Status quo, etwa über ein KI-Maturity-Assessment. Daraus ergibt sich dann eine klar priorisierte Roadmap. Von ersten, gut finanzierbaren Leuchtturm-Workflows bis hin zur Neugestaltung ganzer Funktionen mit einem AI-First-Betriebsmodell.

Zur Studie 2024: Die BCG-Studie “Where’s the Value in AI?” (Oktober 2024) basiert auf einer Befragung von über 1.000 CxOs und Senior Executives weltweit. Die Teilnehmer bewerteten ihre KI-Reife entlang von 30 Fähigkeitsdimensionen. Die Erhebung umfasste mehr als 20 Branchen in 59 Ländern und wurde im dritten Quartal 2024 durchgeführt.

Zur Studie 2025: Die BCG-Folgestudie “The Widening AI Value Gap: Build for the Future 2025” (September 2025) erweiterte die Datenbasis auf 1.250 CxOs und Senior Executives mit KI-Entscheidungsbefugnis aus 68 Ländern in Asien, Europa und Nordamerika. Das Reifegradmodell wurde auf 41 Fähigkeitsdimensionen ausgebaut. Die Befragung deckt neun Kernindustrien ab und wurde im zweiten Quartal 2025 erhoben.

Titelbild: © Focus

Quellen:
BCG-Studie 2024: “Where’s the Value in AI?”: https://www.bcg.com/publications/2024/wheres-value-in-ai [Stand Feb 2026]
BCG-Studie 2025: “The Widening AI Value Gap: Build for the Future 2025”: https://www.bcg.com/publications/2025/are-you-generating-value-from-ai-the-widening-gap [Stand Feb 2026]

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